Krankheitsspiel

Das Christentum verspricht den ‘Letzten’ nicht nur, dass sie schließlich die ‘Ersten’ sein werden, sondern fordert auch von den Gesunden und Starken, dass sie den Kranken und Schwachen Beistand leisten sollen. Somit sind die Spielregeln gegeben: Wer das Krankheitsspiel spielt, darf damit rechnen, dass seine
Mitmenschen das ‘Helferspiel’ spielen werden. Die Neurotiker nützen [laut Szasz] diese Konstellation weidlich aus.

—Josef Rattner

Konkurrenz auf dem Feld der Pflege der Seelen

Nach Szasz sollte man einmal den Gedanken erwägen, ob nicht auch die Systeme der Tiefenpsychologie und Psychotherapie ‘weltliche Predigten und Verkündigungen’ sind, das heißt die Erfindung einer neuen Suggestivsprache, die eine zügige Metaphorik eingeführt hat, durch die man fast jeden Menschen als ‘krank’ bezeichnen kann. Mit ihrem neuartigen Sprachschatz machten die Schöpfer psychotherapeutischer Lehren sehr erfolgreich der Religion Konkurrenz auf dem Feld der ‘cura animarum’, der Pflege der Seelen. Um das aber leisten zu können, mussten sie ‘Ersatzreligionen’ schaffen, und solche bekleiden sich am besten im Geiste der Neuzeit mit dem hübschen Mantel der ‘Wissenschaft’.

—Josef Rattner